Sex mit Sexpuppe – Fremdgehen oder nicht?

Sex mit Sexpuppe – Fremdgehen oder nicht?

Die Frage, ob Sex mit einer Sexpuppe als Fremdgehen zählt, beschäftigt viele Paare. Dieser Artikel beleuchtet vier unterschiedliche Perspektiven, aktuelle Daten aus Deutschland – und zeigt, was der Umgang mit solchen Objekten über unsere Beziehungen verrät.

Vorspiel: Der Fund von Rostock

Es war ein Sonntagabend im März 2025, der die deutschen Gemüter mal wieder spaltete. In einem Rostocker Baugebiet entdeckte ein Spaziergänger bei Einbruch der Dunkelheit einen leblosen Körper. Die Polizei rückte mit Großaufgebot an, Drohnen surrten, die Spurensicherung in weißer Montur untersuchte akribisch die „Leiche“. Nach fünf intensiven Stunden gab es Entwarnung: Das vermeintliche Mordopfer war eine Sexpuppe, verbrannt und in einem IKEA-Beutel entsorgt.

Dieser kuriose Vorfall ist mehr als eine skurrile Polizeimeldung – er ist ein perfektes Sinnbild für den Zustand unserer modernen Intimität. Wie gehen wir in Deutschland eigentlich mit Objekten um, die so tun, als wären sie Menschen? Und vor allem: Wenn sich jemand eine lebensechte Silikonbegleitung anschafft – ist das dann Fremdgehen?

Es gibt keine einfache Ja-oder-Nein-Antwort. Die einen sehen darin den ultimativen Vertrauensbruch, die anderen eine harmlose Spielerei, und wieder andere betrachten es als therapeutische Maßnahme. Schauen wir uns vier Perspektiven an, die die Gemüter erhitzen – und was sie über uns und unsere Beziehungen verraten.


1️⃣ Nur echte Nähe zählt – das ist Fremdgehen.

Nur echte Nähe zählt – das ist Fremdgehen.

Diese Position ist eindeutig: Liebe und Sexualität gehören exklusiv dem Partner. Jede sexuelle Handlung, die nicht mit dem Partner stattfindet, ist ein Vertrauensbruch – und das schließt Silikon mit ein.

Das Argument: Sex ist mehr als mechanische Bewegung. Er ist Austausch von Zuneigung, von Verletzlichkeit. Eine Puppe kann das nicht bieten. Doch wenn der Partner zur Puppe greift, wird Intimität aus der Beziehung ausgelagert. Das fühlt sich für viele wie Betrug an – und zwar nicht nur körperlich, sondern vor allem emotional.

Warum? Weil die Vorstellung, dass der Partner sich sexuell außerhalb der Beziehung bedient, tief in unserem kulturellen Verständnis von Exklusivität verwurzelt ist. Die GeSiD-Studie (German Health and Sexuality Survey), eine der umfassendsten Erhebungen zum Sexualverhalten in Deutschland, zeigt: Nur 8,4 % der Befragten finden außerehelichen Sex völlig in Ordnung, während 46,7 % ihn als überhaupt nicht akzeptabel einstufen.

Interessant ist, dass Treue in Deutschland im Laufe der Jahre eher wichtiger geworden zu sein scheint. Waren es 1981 noch 34 % der Befragten, die angaben, fremdgegangen zu sein, so sank dieser Anteil bis 2017 auf nur noch 8 %. Die Bundesbürger haben ihre Beziehungen offenbar nicht nur entschlackt, sondern auch ethischer aufgestellt. Eine Sexpuppe wird in dieser Logik schnell als emotionale Zumutung empfunden – als stiller Vorwurf: „Bin ich nicht mehr genug?“


2️⃣ Ein Hilfsmittel wie jedes andere – kein Fremdgehen.

Ein Hilfsmittel wie jedes andere – kein Fremdgehen.

Für diese Gruppe ist die Sexpuppe nicht mehr als ein hochentwickelter Vibrator. Ein großes, teures, manchmal beunruhigend lebensechtes Hilfsmittel zur Selbstbefriedigung.

Das Argument: Man kann dem Partner doch nicht verbieten, sich selbst zu befriedigen? Eine Sexpuppe ist genau das: ein Gegenstand. Wer Masturbation nicht als Fremdgehen definiert, kann auch die Puppe nicht als Fremdgehen werten. Es ist ein Solo-Akt, technisch aufgewertet.

Warum? Weil diese Sichtweise die zunehmende Enttabuisierung von Sexspielzeug in Deutschland widerspiegelt. Während 1996 nur 11 % der Deutschen Vibratoren oder Dildos nutzten, waren es 2017 bereits 38 %. Wenn der Markt für hochwertige Puppen wächst, ist das aus dieser Perspektive einfach die logische Weiterentwicklung eines bestehenden Trends.

Allerdings liefert die Essener Studie von Prof. Fuß und Jeanne Desbuleux einen interessanten Gegenpunkt: Während etwa 6 % der Nutzer angaben, dass sich ihr Frauenbild durch die Puppe verbesserte, gaben fast 24 % an, sich von echten Frauen unabhängiger zu fühlen. Wer mit seiner Puppe partnerschaftlich lebt, verliert möglicherweise das Interesse an einer echten Partnerin und empfindet echte Körper als weniger attraktiv. Das ist an sich kein Fremdgehen – aber es ist ein stiller Rückzug aus der Beziehung, der auf Dauer schwerer wiegen könnte.


3️⃣ Entlastung für die Beziehung – vielleicht auch Fremdgehen.

Mein Körper, meine Entscheidung – kein Fremdgehen.

Hier wird es paradox: Manchmal kann eine Puppe eine Beziehung sogar entlasten, weil sie den Druck aus dem Kessel nimmt.

Das Argument: Es gibt Paare mit sehr unterschiedlichen Libidos. Der eine möchte täglich, der andere einmal im Monat. Wenn der Partner mit der größeren Lust auf die Puppe ausweicht, statt sich eine Geliebte oder einen Geliebten zu suchen, kann das durchaus als das kleinere Übel betrachtet werden.

Warum? Weil die Pandemie das Verlangen nach Nähe verstärkt, aber auch die Entfremdung in manchen Partnerschaften verschärft hat. Eine Studie unter deutschen Studierenden nach der dritten Welle zeigte, dass ein Viertel der Befragten eine Verschlechterung, aber ebenfalls ein Viertel eine Verbesserung ihrer Partnerschaft angab. Der Druck war hoch – und die Puppe wurde für manche zum Blitzableiter.

In der Sexualforschung gibt es zudem Hinweise, dass solche Objekte helfen können, Einsamkeit zu lindern – besonders bei älteren Menschen, bei denen eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit der sexuellen Aktivität klafft. In einer alternden Gesellschaft wie Deutschland ist die Frage nach „Ersatzbefriedigung“ keine Randnotiz mehr. Wenn ältere Menschen zur Puppe greifen – ist das dann Fremdgehen gegenüber dem verstorbenen Partner? Oder ist es schlicht Lebensqualität?


4️⃣ Mein Körper, meine Entscheidung – kein Fremdgehen.

Diese Sichtweise bricht radikal mit der Besitzlogik klassischer Beziehungsmodelle.

Das Argument: Der eigene Körper gehört einem selbst. Die Vorstellung, dass der Partner über den eigenen Körper oder die eigenen Fantasien bestimmen könnte, ist überholt. Die Sexpuppe ist ein Abenteuer mit sich selbst – ein intimer Selbstversuch, der den Partner nichts angeht.

Warum? Weil diese Haltung – auch wenn sie in Deutschland nicht die Mehrheit ist – auf eine wachsende technologische und gesellschaftliche Akzeptanz trifft. Die YouGov-Umfrage von 2017 zeigt, dass 40 % der Männer und 28 % der Frauen die Institution Ehe oder Monogamie grundsätzlich infrage stellen. Und dass ein Drittel der Männer Interesse an Sex mit Robotern hätte, passt ins Bild einer zunehmenden Offenheit – auch wenn die deutsche Gesellschaft im Gesamtdurchschnitt eher konservativ erscheint.

Verbotene Sexpuppen

Ein besonders heikles Thema in Deutschland ist die Debatte um Puppen mit kindlichem Erscheinungsbild, deren Besitz seit 2021 strafbar ist. Die Rechtswissenschaft diskutiert intensiv: Dient das Verbot dem Kinderschutz – oder nimmt es Betroffenen eine möglicherweise schadlose Ventilfunktion? Erste Studien legen nahe, dass der Einsatz solcher Puppen sogar helfen könnte, reale Taten zu verhindern. Ein ethischer Konflikt, bei dem selbst Fachleute uneins sind.


Was bleibt? Eine Frage der Kommunikation.

Wer hat nun recht? Es kommt darauf an.

Wenn der Partner die Liebenspuppe heimlich im Keller versteckt und mit ihr spricht, als wäre sie eine Geliebte, dann ist das ein klarer Fall für die Paartherapie – und fühlt sich für die meisten wie Fremdgehen an.

Wenn das gute Stück jedoch offen im Schlafzimmer liegt und nur dann zum Einsatz kommt, wenn der andere gerade keine Lust hat, dann kann es die Beziehung sogar entspannen.

Die eigentliche Frage lautet nicht: „Ist das Fremdgehen?“ Sondern: „Warum greift mein Partner zur Puppe?“ Ist es Neugier? Ist es Ersatz? Oder ist es die Flucht vor der Komplexität einer echten Beziehung?

Solange wir darüber diskutieren, ob eine real doll Puppe die Beziehung gefährdet, während der reale Partner nebenan vielleicht friert, haben wir die eigentliche Baustelle übersehen. In einer Zeit, in der fast jeder zweite Deutsche außerehelichen Sex ablehnt, aber gleichzeitig viele Menschen menschliche Beziehungen als anstrengend empfinden, wird die Puppe zum Spiegel unserer Ängste vor echter Intimität. Sie ist nicht das Problem – sie ist nur das Symptom.

Und in diesem Sinne: Rede mit deinem Partner. Auch wenn es manchmal einfacher erscheint, mit der Puppe zu reden – sie schweigt ja bekanntlich. Aber vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die eigentliche Arbeit erst beginnt.

Quellen:

  • GeSiD-Studie (Gesundheit und Sexualität in Deutschland), Institut für Sexualforschung, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf / Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), 2018–2019. https://gesid.eu / https://www.liebesleben.de
  • Fuß, J. & Desbuleux, J. C.: The Self-Reported Sexual Real-World Consequences of Sex Doll Use. The Journal of Sex Research, 2023. https://doi.org/10.1080/00224499.2023.2199727
  • Strafgesetzbuch (StGB), § 184l – Verbot des Besitzes von Puppen mit kindlichen Geschlechtsmerkmalen. https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__184l.html (Bundesministerium der Justiz)
  • Fischer, T.: Strafgesetzbuch mit Nebengesetzen, 69. Auflage 2022, Verlag C. H. Beck (wissenschaftlicher Standardkommentar zu § 184l StGB)

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